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Die Interleaving-Falle: Warum gemischtes Üben besser ist als Blocklernen

Es war ein Tennisplatz in Florida, und alles sah falsch aus.

Ein Tennislehrer namens Doug Rohrer hatte eine unkonventionelle Idee. Er trainierte seine Schüler nicht so, wie alle anderen es taten. Normalerweise trainiert man Tennisaufschläge: Man übt 50 Aufschläge. Dann 50 Vorhand-Volleys. Dann 50 Rückhand-Volleys. Blockweise. Effizient. Logisch.

Rohrer machte es anders. Er mischte alles durcheinander. Ein Aufschlag. Ein Volley. Ein anderer Aufschlag. Ein Rückhand-Volley. Zufällig. Chaotisch. Für den Schüler fühlte es sich nicht wie gutes Training an[1].

Aber drei Wochen später, bei einem Wettkampf, war der Unterschied offensichtlich. Rohres Schüler spielten besser. Deutlich besser.

Das ist das Interleaving-Paradox. Und es ändert alles, was du über effektives Lernen weißt.

Das Problem mit Blocklernen

Blocklernen ist überall. Es ist die Standard-Methode in Schulen, Universitäten, Trainingscentern. Die Logik ist simpel: Man wird besser in etwas, wenn man es wiederholt. Also wiederholst du dasselbe immer wieder, bis du es beherrschst.

Ein Mathe-Beispiel: Du lernst Quadratische Gleichungen. Dein Lehrer gibt dir 30 Aufgaben – alle zum gleichen Thema. Du machst sie nacheinander. Die ersten sind schwierig. Die letzten sind einfach – du hast ja gerade gelernt, wie es funktioniert. Nach einer Stunde fühlst du dich sicher.

Das ist das Problem. Diese Sicherheit ist eine Illusion.

Eine Woche später: Ein Test mit gemischten Aufgaben. Quadratische Gleichungen, aber auch lineare Gleichungen, Bruchgleichungen, alles durcheinander. Plötzlich weißt du nicht mehr, welche Methode du anwenden sollst. Die Aufgaben sehen unterschiedlich aus, also brauchst du eine andere Strategie.

Blocking hat dir nicht geholfen, zu *entscheiden*, was zu tun ist. Es hat dir nur geholfen, die gleiche Aufgabe wiederholt zu lösen.

Das Interleaving-Geheimnis

Interleaving ist das Gegenteil. Es bedeutet, dass du verschiedene Aufgabentypen vermischst. Nicht eins nach dem anderen. Sondern durcheinander.

Warum funktioniert das besser? Weil dein Gehirn bei jedem Problem entscheiden muss: Welche Strategie passt hier? Das ist das echte Problem beim Lernen – nicht das Anwenden einer Strategie, die du gerade gelernt hast, sondern zu entscheiden, welche Strategie du überhaupt brauchen könntest.

Rohrer und sein Kollege Taylor untersuchten das systematisch[2]. Sie ließen Studenten mathematische Probleme lösen – einige mit Blocking-Methode, andere mit Interleaving. Beim Üben schnitten die Blocking-Schüler besser ab. Sie waren schneller, machten weniger Fehler.

Aber beim Test eine Woche später war das Verhältnis umgekehrt. Die Interleaving-Schüler waren 40% besser.

40%. Das ist nicht marginal. Das ist eine Transformation.

Warum unsere Schulen das falsch machen

Die Ironie ist, dass Schulen genau wissen, dass Interleaving besser ist – aber sie tun es nicht. Der Grund ist einfach: Blocklernen *fühlt* sich besser an.

Wenn du ein Kind hast oder unterrichtest, und es macht 30 Aufgaben zum gleichen Thema und bekommt 28 richtig – das sieht nach Erfolg aus. Die Noten sind gut. Die Motivation ist hoch.

Wenn du aber Interleaving nutzt und vermischst, sind die Noten schlechter. Der Schüler fühlt sich verloren. Das sieht nach schlechterer Lehre aus – auch wenn es in Wirklichkeit besser ist.

Das ist was Forscher das „desirable difficulty“-Problem nennen. Das, was schwieriger ist, ist tatsächlich besser für langfristiges Lernen. Aber es fühlt sich schlecht an, während es passiert.

Das Praktische: Wie du Interleaving nutzen kannst

Das Wichtigste ist: Interleaving bedeutet nicht, dass du komplett durcheinander wirfst. Es gibt einen strategischen Weg, es zu tun.

Nimm an, du lernst verschiedene Themen in Geschichte. Die französische Revolution, der Zweite Weltkrieg, das Römische Reich. Blocklernen würde bedeuten: Eine Woche nur französische Revolution. Dann eine Woche Zweiter Weltkrieg. Dann eine Woche Römisches Reich.

Interleaving würde bedeuten: Montag französische Revolution. Dienstag Zweiter Weltkrieg. Mittwoch Römisches Reich. Donnerstag wieder französische Revolution – aber andere Aspekte. Und so weiter.

Das zwingt dein Gehirn, ständig umzuschalten. Ständig neu zu überlegen: Was ist das Wichtige hier? Wie unterscheidet sich das vom Letzten?

Genau das ist, was Langzeitgedächtnis aufbaut.

Praktische Tipps zum Interleaving

Fazit

Doug Rohrer hat gezeigt, dass das, was sich wie ineffizientes Training anfühlt – ständig zwischen verschiedenen Aufgaben zu wechseln – tatsächlich das effizienteste Training ist.

Die meisten Lernende machen das Gegenteil. Sie lernen systematisch, Thema für Thema, Block für Block. Und dann wundern sie sich, warum sie das neue Problem nicht lösen können – obwohl sie genau diese Art von Problem ja schon 50 Mal gemacht haben.

Der Grund ist: Sie haben nicht gelernt, das Problem zu erkennen. Sie haben nur gelernt, die Lösung zu reproduzieren, wenn sie schon wissen, um welches Problem es sich handelt.

Interleaving löst das. Es ist unbequem. Es ist weniger effizient beim Üben. Aber es funktioniert besser beim echten Lernen.

Das ist das Paradox: Je unbequemer dein Training ist, desto besser wird deine Performance später.

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