Der Dunning-Kruger-Effekt im Klassenzimmer: Warum schlechte Schüler ihre Leistung überschätzen
Es gibt einen Moment, in dem man weiß, dass man nichts weiß. Und es gibt einen anderen Moment, in dem man *nichts weiß*, aber man *denkt*, man weiß alles.
Der zweite Moment ist deutlich häufiger. Und er hat einen Namen: der Dunning-Kruger-Effekt.
In den 1990ern führten zwei Psychologen namens David Dunning und Justin Kruger ein Experiment durch. Sie ließen Studenten Tests in Logik, Grammatik und Humor machen. Dann fragte man sie: „Wie gut, denkst du, hast du abgeschnitten?“[1]
Das Ergebnis war beschämend. Die Studenten, die am schlechtesten abschnitten – im untersten Viertel – schätzten ihre Leistung als überdurchschnittlich ein. Sie dachten, sie hätten im oberen Viertel abgeschnitten.
Die Studenten, die am besten abschnitten, schätzten ihre Leistung als durchschnittlich ein. Sie dachten, sie hätten nicht so gut gemacht wie andere.
Es war als würde die Realität verkehrt herum funktionieren.
Das Zentrale Problem: Unbekannte Unbekannte
Der Grund für dieses Phänomen ist subtil. Es geht nicht um Dummheit. Es geht um etwas Fundamentaleres: Um zu wissen, dass du etwas nicht weißt, musst du genug über das Thema wissen, um deine Lücke zu erkennen.
Ein Beispiel: Ein Anfänger in Programmierung schreibt seinen ersten Code – einige Zeilen Python. Der Code funktioniert. Er denkt: Ich kann programmieren. Das ist aber naiv. Er kennt die Komplexität nicht, die Optimierung, die Fehlerbehandlung, die Skalierbarkeit. Er kennt nicht, was er nicht kennt.
Ein erfahrener Programmierer schreibt denselben Code. Aber er sieht sofort: Hier fehlende Error-Handling. Hier ineffiziente Loops. Hier könnte die Performance zusammenbrechen. Er weiß, wie viel er nicht weiß.
Das ist der Dunning-Kruger-Effekt. Und er ist überall in Schulen.
Das Klassenzimmer-Paradox
In jeder Klasse gibt es diesen Schüler. Er ist laut. Er beantwortet Fragen – oft falsch, aber er antwortet. Seine Noten sind mittelmäßig bis schlecht. Aber wenn man ihn fragt, wie er sich einschätzt, sagt er: „Ich bin eigentlich ganz gut. Der Test war unfair.“
Dann gibt es den anderen Schüler. Stille. Vorsichtig. Seine Noten sind gut bis sehr gut. Aber wenn man ihn fragt, sagt er: „Ich bin okay. Andere sind besser.“
Der Unterschied ist nicht Leistung. Der Unterschied ist Bewusstsein für Lücken.
Kruger selbst hat das später erforscht[2]. Er zeigte, dass der Effekt nicht einfach umgekehrt wird, wenn die Leistung steigt. Stattdessen passiert folgendes: Gut abschneidende Schüler werden selbstkritischer. Je mehr sie lernen, desto bewusster werden sie, was sie nicht wissen. Das ist tatsächlich Zeichen von echtem Lernen.
Schlecht abschneidende Schüler bleiben oft stecken – nicht weil sie faul sind, sondern weil ihnen die Kompetenz fehlt, ihre Inkompetenz zu erkennen.
Die Gefahr der falschen Sicherheit
Das Problem ist praktisch. Ein Schüler, der denkt, er versteht Mathe, wird nicht weiter üben. Er wird nicht Hilfe suchen. Er wird nicht weiter lernen – denn warum sollte er? Er denkt ja, er versteht es.
Dann kommt die Prüfung. Und er fällt durch. Nicht weil er dumm ist, sondern weil die Lücke zwischen seiner selbsteingeschätzten Leistung und seiner echten Leistung riesig war.
Das ist tragisch, weil es vermeidbar ist. Der Schlüssel ist: Erkenne deine Unwissenheit an.
Die besten Lerner – ob Schüler oder Erwachsene – sind nicht diejenigen, die am meisten wissen. Sie sind diejenigen, die am häufigsten denken: „Ich weiß das nicht. Ich muss das lernen.“
Das ist nicht negativer. Das ist realistische Selbsteinschätzung.
Wie man die Falle erkennt
Es gibt Hinweise, die auf den Dunning-Kruger-Effekt deuten. Wenn du merkst, dass:
– Du eine Aufgabe machst und dich sofort sicher fühlst
– Du andere fragst, wie sie abgeschnitten haben, und sich überrascht stellst, wenn ihre Antworten besser sind
– Du eine Klausur erhältst und überrascht bist, dass die Note schlechter ist als erwartet
– Du selten nachdenkst, ob es etwas gibt, das du nicht verstehst
…dann bist du möglicherweise in der Falle.
Die gute Nachricht: Man kann aus der Falle herauskommen. Der erste Schritt ist, sie zu erkennen.
Praktische Tipps gegen die Dunning-Kruger-Falle
- 1. Teste dich selbst regelmäßig: Nicht um deine Noten zu prüfen, sondern um deine blinden Flecken zu finden. Was kannst du nicht erklären?
- 2. Suche aktiv nach Kritik: Nicht nach Lob. Frag: „Wo bin ich falsch gelaufen?" Das ist unbequem, aber das ist der Punkt.
- 3. Vergleiche mit Experten: Schau, wie ein Experte das Problem löst. Oft wirst du entdecken, dass dein Lösungsweg ineffizient war, oder dass dir ganze Strategien fehlen.
- 4. Stell Fragen: Nicht rhetoriksch. Echte Fragen. „Warum funktioniert das so?" Wenn du die Antwort nicht verstehst, hast du gerade etwas gelernt.
- 5. Dokumentiere deine Fehler: Halte fest, wo du falsch lagst. Nach einem Monat schau die Fehler an. Du wirst Muster sehen – Lücken, die du vorher nicht bemerkt hast.
Fazit
David Dunning und Justin Kruger haben gezeigt, dass die am wenigsten Kompetenten oft die größte Sicherheit haben. Und die am meisten Kompetenten oft die größte Unsicherheit.
Das ist nicht depressiv. Das ist fair. Es bedeutet: Wenn du merkst, dass du wenig weißt, bist du möglicherweise weiter entfernt von der Falle als deine selbstsicheren Mitschüler.
Der echte Unterschied zwischen guten und schlechten Lernern ist nicht Intelligenz. Es ist Selbstbewusstsein – im wahrsten Sinne: das Bewusstsein für die eigenen Grenzen.
Lerne nicht, um sicher zu werden. Lerne, um deine Unwissenheit zu entdecken.